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Über

Der Kurator der 8. Berlin Biennale Juan A. Gaitán hat eine tastende, vorsichtige Annäherung an Berlin gesucht und einen Schwerpunkt auf das wechselhafte Verhältnis von erlebter Geschichte und wissenschaftlicher Geschichtsschreibung gesetzt. Die 8. Berlin Biennale hat das Kunstwerk als spekulative Geste in den Vordergrund gestellt, das unterschiedliche Lesarten von Geschichte und ihrer gegenwärtigen Repräsentation ermöglicht.

58 internationale Künstler*innen waren zur Teilnahme an der 8. Berlin Biennale eingeladen, um in ihren Arbeiten Geschichte und deren Fragmente zu markieren und zu untersuchen. Die Ausstellung nahm somit auch Bezug auf die Historisierung, die in Berlin und in anderen Städten zu beobachten ist. Berlin steht in gewisser Weise stellvertretend für eine weitreichende Tendenz, einseitige historische Narrative mittels Architektur, Stadtplanung, Baudenkmälern und einer räumlichen Konzentration von Tourismus, Kommerz und Kultur in die zeitgenössische Großstadt einzuschreiben.

Eine Berlin Biennale hat immer auch den Anspruch, eine fortdauernde Auseinandersetzung mit den Parametern der Stadt Berlin zu sein. Die neue Form städtischer Zentralität und eine rapide kultur- und stadtpolitische Gestaltung der Berliner Innenstadt hatte die 8. Berlin Biennale dazu bewegt, sich aus der Mitte heraus zu den Kunst- und Kulturinstitutionen Museen Dahlem und Haus am Waldsee zu bewegen. Diese kuratorische Entscheidung schlug eine Brücke von den KW Institute for Contemporary Art in Berlin Mitte, dem traditionellen Veranstaltungsort der Berlin Biennale, hin zu bedeutenden Orten der Kultur- und Wissensproduktion, die zwar in Folge der politischen und geografischen Neudefinierung der Stadt Berlin an Aufmerksamkeit verloren haben, nicht jedoch an Bedeutung. Damit wurden die Arbeiten der 8. Berlin Biennale ausschließlich in bereits bestehenden Kulturinstitutionen gezeigt, auch um die vorhandene kulturelle Infrastruktur in Berlin zu stärken und diese sowohl bei den Bürger*innen als auch den Besucher*innen der Stadt wieder stärker ins Blickfeld zu rücken. Einige Künstler*innen nahmen dies zum Anlass, sich in ihren Arbeiten konkret mit den Institutionen und dem Umgang mit Sammlungen und Präsentationsformen auseinanderzusetzen.

Im Vorfeld der 8. Berlin Biennale berief Juan A. Gaitán Tarek Atoui, Natasha Ginwala, Catalina Lozano, Mariana Munguía, Olaf Nicolai und Danh Vo in sein Artistic Team. Dessen Mitglieder arbeiteten nicht nur für die Konzeption der 8. Berlin Biennale mit Juan Gaitán zusammen, sondern waren auch mit eigenen Projekten vertreten: Tarek Atoui, Olaf Nicolai und Danh Vo zeigten im Rahmen der Ausstellung eigene künstlerische Beiträge und Natasha Ginwala präsentierte ihr Forschungsprojekt Double Lives. Mariana Munguías Publikation Excursus– in Zusammenarbeit mit Maricris Herrera erarbeitet – versammelt ausgewählte visuelle Beiträge aller teilnehmenden Künstler*innen und Catalina Lozano konzipierte ein Veranstaltungsprogramm im Crash Pad c/o KW. Außerdem war jedes Mitglied des Artistic Team mit einem Beitrag im Kurzführer vertreten.

Kurator*innen

Juan A. Gaitán

8. Berlin Biennale, 29.5.–3.8.2014; Juan A. Gaitán, Kurator, 2013; Foto: Thomas Eugster

Juan A. Gaitán hat folgende Mitglieder als Berater*innen zur Zusammenarbeit in sein Artistic Team eingeladen:
Tarek Atoui, Natasha Ginwala, Catalina Lozano, Mariana Munguía, Olaf Nicolai, Danh Vo

Grafische Gestaltung
Zak Group

Katalogauszug

Kuratorischer Ansatz

Im gesamten Prozess der Ausarbeitung dieser 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst war es mir wichtig, dass die kuratorische Annäherung an Berlin eine tastende, vorsichtige bleibt, dass ich hinhöre und hinsehe auf das, was sich in der Stadt abspielt, bevor ich meine Vermutungen bestätigt (oder widerlegt) finde. Während früherer Besuche und in der Zeit meines Aufenthaltes als Kurator der Berlin Biennale konnte ich beobachten, wie sich die Stadt in eine ziemlich interessante Richtung entwickelte. Es war spannend für mich zu sehen, was aus ihr geworden ist, und ich begann mich zu fragen, inwieweit ihre Entwicklung eine umfassendere Tendenz in aller Welt widerspiegelt, Geschichte zu bemühen, um die Hegemonie bestimmter vorherrschender Erzählungen zu verfestigen.

Dafür musste ich mich nicht allzu weit aus meinem "Zuhause“ wagen – das heißt aus meinem derzeitigen Zuhause im Gebäudekomplex in Berlin-Mitte, der die KW Institute for Contemporary Art beherbergt. Ein Beispiel: Auf der Museumsinsel entsteht zurzeit das Humboldt-Forum, an dem einmal Nachbildungen von drei der ursprünglichen Schlossfassaden und der Schlosskuppel zu sehen sein werden. Nach einer offiziellen Verlautbarung hat eine "internationale Expertenkommission Historische Mitte Berlin“ dieses Vorhaben empfohlen. Sie war der Auffassung, dass mit der Wiederherstellung der Fassaden "alle umliegenden historischen Gebäude ihre maßstäblichen und inhaltlichen Bezugspunkte wieder zurück“ erhalten. Das Humboldt-Forum wird am östlichen Ausläufer des prächtigen, baumbestandenen Boulevards Unter den Linden gebaut, einem Produkt der preußischen Stadtplanung aus neoklassizistischer Zeit. Entsprechend liegt dem Drang zur Rekonstruktion unübersehbar der Wunsch zugrunde, nicht nur einzelne Gebäude, sondern die Stadt insgesamt in ein Denkmal, ein Artefakt zu verwandeln. Demgegenüber steht eine zeitgenössische Architektur, die sich seit dem Fall der Berliner Mauer in Gegenden wie dem Potsdamer Platz konzentriert. Ihre wichtigste Aufgabe bestand anscheinend darin, die Stadt in die Post-Beschleunigung des 21. Jahrhunderts zu katapultieren und ebenso eilig die Traumata des 20. zu begraben.

Doch Berlin ist nur ein Ausgangspunkt, ein Beispiel für die allgemeine Tendenz, die Geschichte in den Mittelpunkt zu rücken und sich damit vom vergangenen Jahrhundert loszusagen. Diese Distanzierung ist vielleicht in erster Linie eine ästhetische und entspringt dem Wunsch nach Beseitigung der Architektur des 20. Jahrhunderts, die dann entweder durch getarnte Konzernbauten oder Rekonstruktionen historischer beziehungsweise historisch aussehender Architektur ersetzt wird. Auch in dieser ästhetischen Leugnung äußert sich jedoch die gegenwärtige globale Krise des Nationalstaats, der sich in seinem neoliberalen Gewand von einigen der bedeutendsten, wenngleich unvollendeten Projekte des 20. Jahrhunderts abgewendet hat: vom Versuch, Staatsangehörigkeit und Bürgerrechte offener und aufnahmefähiger zu verfassen; von einem Städtebau mit gesellschaftlicher Verantwortung; von einem Bauen für und durch das Volk, um eine prägnante These des bedeutenden Architekten Yona Friedman wiederaufzunehmen.

Natürlich kann eine Biennale solchen Anliegen nur in Teilen gerecht werden. Doch ich bin überzeugt, dass sie hier als Teil der fortdauernden Auseinandersetzung mit der Stadt wahrgenommen werden müssen. Daher waren sie auch wesentlich für die Formulierung der Kartografie dieser 8. Berlin Biennale. Sie kommen programmatisch in der Auswahl der Veranstaltungsorte zum Ausdruck. Zwei davon – die Museen Dahlem – Staatliche Museen zu Berlin und das Haus am Waldsee in unmittelbarer Zehlendorfer Nachbarschaft – befinden sich im Westen. Der dritte Schauplatz sind naturgemäß die KW, traditionell der Hauptort der Berlin Biennale, der diesmal mit den beiden anderen um den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit konkurrieren muss. Die Ausstellung als solche wurde über diese Kartografie gelegt und unsere Hoffnung ist, dass jeder dieser Orte einen jeweils eigenen Bezug zwischen der zeitgenössischen Kunst und ihrer Umgebung entfaltet. Im Haus am Waldsee sollen die ausgestellten Werke auf die ursprüngliche Funktion des Hauses als Privatvilla hinweisen. Sie laden die BesucherInnen ein, sich auf das nach wie vor wirksame Verhältnis dieses Ortes zu seiner Umgebung einzulassen, ihn als Allegorie der Unzeitgemäßheit romantischer Landschaft wahrzunehmen. In Dahlem ermutigt die fragmentarische Verteilung der Installationen neben den bestehenden Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst die Besucherinnen und Besucher immer wieder zur Entscheidung, im Raum zeitgenössischer Kunstpräsentation zu bleiben oder kurze Ausflüge in die historischen Bestände der Museen zu unternehmen. In den KW haben wir uns demgegenüber für ein mehr nach Innen gerichtetes, absorbierendes Erleben der Kunst entschieden und die Neigung von Räumen zeitgenössischer Kunst bekräftigt, sich von der unmittelbaren Umgebung abzusondern.

Es gibt daneben noch einige Parallelaussagen, zusätzliche Ausstellungsorte, die wir "surplus venues“ genannt haben: das Crash Pad, als ausgewiesener diskursiver Raum für Diskussion und Debatte, das Buch Excursus, das visuelle Vorschläge der KünstlerInnen dieser Berlin Biennale enthält, und die Plakatserie 9 Plus 1. Das Crash Pad ist eine eigenständige Installation und befindet sich im Vorderhaus der KW. Die anderen beiden sind sehr verschiedene Erzeugnisse der Druckerpresse (dieser beinahe schon veralteten Maschine). Während Excursus, ein "Bilderbuch“, dazu gedacht ist, dass man sich auf einer privaten, intimen Ebene darauf einlässt, soll das andere Format – das Plakat – öffentlich in Erscheinung treten und eine Gemeinschaft stiftende Wirkung entfalten. Im Zusammenspiel mit den schon genannten Ausstellungsorten stehen diese zusätzlichen für eine andere Art und Weise, den Dialog über den Vorrang der bildlichen Darstellung vor anderen Formen der Sinneserfahrung in Gang zu bringen.


Eine der spannendsten selbst gestellten Aufgaben dieser 8. Berlin Biennale und ihres Teams hatte mit der Entscheidung zu tun, eine umfangreiche und internationale Gruppe von KünstlerInnen zur Teilnahme an der Ausstellung einzuladen. Nicht zuletzt, weil wir bei diesen KünstlerInnen auch neue Werke in Auftrag gegeben haben, hat dieses Vorgehen sicher erheblichen Druck auf die Strukturen der Berlin Biennale ausgeübt. Es war aber ein entscheidender Bestandteil unseres Prozesses. Indem die Werke auf die Gegebenheiten reagierten, haben sie auch zur Entwicklung der Ausstellung und zur Formulierung ihrer Themen beigetragen. Beispielsweise entstanden mehrere Werke aus der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den Museen Dahlem und mit der kolonialen und imperialen Logik, die sie als Sammlung und Zurschaustellung von Artefakten aus anderen Kulturen verkörpern. Weitere Arbeiten in der Ausstellung haben mit dem Regiment der stillen Betrachtung zu tun, das sich in den Darbietungen zeitgenössischer Museen behauptet, indem es den Anschein der Dinge betont und eine westliche Art und Weise ästhetischer Wertschätzung privilegiert. Dieser Argumentationslinie folgend, setzen sich andere Werke direkt mit den Mechanismen des Bildes, seiner Erzeugung und seinen unzähligen Funktionen auseinander. Was die Wahl der Medien angeht, sind in der Ausstellung die Zeichnung und andere von der Zeichnung abgeleitete Arbeitsweisen auffällig präsent, was nach meiner Ansicht den propositionalen Charakter des Kunstwerks betont und demgemäß die BetrachterInnen dazu auffordert, sich mit den Werken als Behauptungen von bedingtem Geltungsanspruch zu befassen – bedingt insofern, als zeitgenössische Kunst zwei simultane, doch aporetische Aufgaben erfüllt, wenn sie einerseits die Wirklichkeit erforscht und andererseits kritisch auf Distanz zu den Mechanismen ihrer Darstellung geht. Auch Klang und Komposition werden in der Ausstellung stark betont. Einmal abgesehen davon, wie einige der gezeigten Werke klangliche Mittel nutzen, kann man das vielleicht auch als eine Geste verstehen, die die Dominanz des Bildes in der zeitgenössischen Kultur ein wenig mindert. [...]

Das Museum und das Bild – nicht nur das Museum und die Kunst – gehören in ihrer wechselseitigen Entwicklung als Instrumente der Ideologie und, wenigstens im spätkapitalistischen Jahrhundert, auch als Zeichen des privaten oder staatlichen Reichtums gemeinsam zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Aura des Museums als Ort, an dem das kulturelle und symbolische Kapital einer Gesellschaft aufbewahrt ist oder künftig bewahrt werden kann, wird in so gut wie jedem Bild beschworen; im Gegensatz dazu schließt das Museum gerne alles, was es besitzt, in einem Raum der stillen Betrachtung ein. Die Werke dieser Ausstellung sollen die Grenzen der Kunst als ein Feld der Selbstreflexion erweitern. Im Rahmen einer solchen Auseinandersetzung widerstehen Kunstwerke ihrer Vereinnahmung und ihrer Nacherzählung in den Begriffen der Kunstgeschichte. Sie sind hier vor allem Thesen gegen die heutigen gesellschaftlichen und politischen Funktionen des Bildes als der dominanten Form der Repräsentation. Indem diese 8. Berlin Biennale ihren Schwerpunkt auf den künstlerischen Prozess setzt, gibt sie dem dringenden Bedürfnis zeitgenössischer künstlerischer Praktiken nach gleichzeitiger, vielleicht aporetischer Erkundung der Wirklichkeit und der Mechanismen ihrer Repräsentation den Vorrang. Politische Botmäßigkeit ist nicht Sinn und Zweck der Kunst; ihr Streben geht dahin, ein Gegenbild zu schaffen, das Wahrheit und Macht auseinanderhalten kann.

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bb8.berlinbiennale.de
Stand: 3.8.2014