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The Present In Drag

Über

"Das war großartig. Du hast gelernt, dass ... Du zwar online lebst, Du Dir aber trotzdem ständig den Arsch aufreißt. Wann immer Du Dich „Dir selbst“ am nächsten fühlst, bist Du eigentlich in Drag. Du übst Dich in Achtsamkeit, aber Du bist tief verschuldet. Die Werbemails in Deinem Posteingang enthalten die emotionale Sprache, die es in Deinem Privatleben nicht gibt. Offizielle Erzählweisen stimmen für Dich nicht mehr, Du hast Dir Deine eigenen zurechtgelegt. Du fragst Dich: Können Märkte etwas empfinden? Sind Unternehmen auch Menschen? Du bist ein/e anspruchsvolle/r KulturkonsumentIn, aber Du weißt, dass nichts davon bestehen bleiben wird."
(Auszug aus der Publikation The Present in Drag zur 9. Berlin Biennale)

Die von dem New Yorker Kollektiv DIS (Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro) kuratierte Ausstellung machte unter dem Titel The Present in Drag die digitalen Konditionen und die Paradoxien greifbar, die die Welt im Jahr 2016 zunehmend prägten. An den vier fixen Ausstellungsorten Akademie der Künste am Pariser Platz, ESMT European School of Management and Technology, The Feuerle Collection und KW Institute for Contemporary Art sowie auf dem mobilen Fahrgastschiff Blue-Star setzten sich Künstler*innen gemeinsam mit Akteur*innen anderer Disziplinen wie Musik, Philosophie, Hacktivismus, Design, Politik und Ökonomie mit den Bedingungen der Post-Gegenwart auseinander. Kooperationen und kollektives Arbeiten bildeten dabei einen Schwerpunkt. Fast alle Arbeiten der Ausstellung wurden eigens für die 9. Berlin Biennale produziert.

Neben den Ausstellungsorten waren weitere Plattformen Spielorte der 9. Berlin Biennale: Auf der Website konnten Interessierte in der Sektion Fear of Content – einem kontinuierlichen Feed aus Aufsätzen, Interviews und digitalen Projekten – die 9. Berlin Biennale auch von außerhalb verfolgen. Die Berlin-Biennale-Website bleibt auch nach Ende der 9. Berlin Biennale bestehen. Anthem versammelt Kooperationen von Künstler*innen und Musiker*innen zum Soundtrack dieser Biennale, der als Vinylsingle erhältlich ist sowie online gestreamt werden kann. LIT bildete eine von mehreren „Ausstellungen in der Ausstellung“ und nahm auf den Werbeflächen großer Leuchtkästen die visuellen Codes eines Duty-free-Shops an. Die Beiträge zu Not in the Berlin Biennale wurden nicht in der Ausstellung gezeigt, sondern waren Elemente einer umfassenden Kommunikationsstrategie und legten sich wie eine schützende Haut um die vitalen Organe der Ausstellung.

Insgesamt präsentierten 288 Teilnehmer*innen ihre Beiträge bei der 9. Berlin Biennale, die über die gesamte Laufzeit national und international von einer breiten medialen Aufmerksamkeit begleitet wurde.

Kurator*innen

DIS (Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro)

9. Berlin Biennale, 4.6.–18.9.2016; DIS, kuratorisches Team; Foto: Sabine Reitmaier

Visuelles Erscheinungsbild
Meiré und Meiré

Katalogauszug

The Present in Drag

Ein leicht verzweifelter Ton schwingt bei dem Thema "Gegenwart“ mit. Er erinnert an eine Spinning-Trainerin, die trotz eines massiven Katers versucht, noch durchzupowern. Ausstellungen gleichen zunehmend TED Talks – Kompetenzarenen. Es ist ein Lustprinzip im Spiel, ähnlich wie bei Katastrophenfilmen oder Horrorstreifen. Die Leute drücken ihre Tragetaschen etwas fester an sich, wenn sie, durch Lautsprecheranlagen verstärkt, die Ausdrücke "Big Data“, "Filterblase“, "Post-Internet“ und "Anthropozän“ zu hören bekommen.

Willkommen in der Post-Gegenwart. Die Zukunft fühlt sich wie die Vergangenheit an: vertraut, vorhersagbar, unveränderlich – und die Gegenwart steht mit den Unwägbarkeiten der Zukunft alleine da. Wird Donald Trump Präsident? Ist Weizen giftig? Ist der Irak ein Land? Ist Frankreich eine Demokratie? Mag ich Shakira? Leide ich an Depressionen? Sind wir im Krieg?

Es ist eine Gegenwart, die man nicht kennen, nicht vorhersagen, nicht verstehen kann. Sie ist dem Beharren auf etlichen Fiktionen entsprungen. Nichts an der heutigen Welt ist besonders realistisch; einer Welt, in der es sich mehr lohnt, in Fiktionen zu investieren, als auf die Realität zu setzen. Diese Genreverschiebung von Science-Fiction zu Fantasy macht sie inspirierend, offen, verfügbar und nicht-binär. Die Supergruppe(n) von Künstler*innen und Mitwirkenden, die wir mobilisiert haben, ist von dieser Ungewissheit nicht überfordert, sondern inspiriert. In einem solchen Klima kann jeder beginnen, eine alternative Gegenwart zu errichten, missglückte Erzählungen umzugestalten, Bedeutung aus dem endlosen Fluss von Bedeutungen herauszulesen.

Wir stellen uns Berlin als Stadt vor, die von diesen Energien angetrieben wird. Ausgangspunkt ist der Pariser Platz. Als ikonische Touristenfalle schon Kult, ist es der Ort, an dem seinerzeit Michael Jackson sein Baby vom Balkon des Adlon-Hotels baumeln ließ und mit dieser so privaten wie öffentlichen Performance die Unmengen von Selfie-Stangen erahnen ließ, die mittlerweile jede Sehenswürdigkeit in Berlin ins Visier nehmen. Der Platz ist umgeben von einem weitgehend unsichtbaren Netzwerk staatlicher und wirtschaftlicher Mächte: Hier residieren Lockheed Martin, das Allianz Stiftungsforum, die DZ Bank und BP Europa SE in direkter Nachbarschaft zu den Botschaften der USA und Frankreichs.

Die gängige Sprache visueller und politischer Einflussnahme – von Staaten und Märkten, Linken und Rechten, Kunst und Kommerz nach Belieben eingesetzt – überströmt sowohl die Biennale als Institution sowie die "Kunst“ als Kategorie der Kulturproduktion. Die 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst zeigt die Paradoxien, die die Welt 2016 ausmachen: Virtuelles als Reales, Nationen als Marken, Menschen als Daten, Kultur als Kapital, Wellness als Politik, Glück als BIP und so weiter.

Im Zeitalter des personalisierbaren Sneakers, des politischen Narrowcasting, des algorithmisch ermittelten Geschmacks und der individuell zugeschnittenen Diätpläne ist das Universelle in eine Vielzahl von Unterschieden aufgesplittert. In dem Moment, da sich die Gestalt des Individuums zu nie gesehener Größe zu erheben scheint, wird die Individualität durch widersprüchliche, gegensätzliche Kräfte zerstört und in Fragmente zersplittert. Dieser Figur des Selbst bereitet die 9. Berlin Biennale eine Bühne, auf der sie ihre eigene Obsoleszenz durchspielen kann.

Unser Vorschlag ist einfach: Statt Vorträge über Ängste abzuhalten, lasst uns die Leute erschrecken. Statt Symposien über die Privatsphäre zu veranstalten, lasst sie uns aufs Spiel setzen. Lasst uns die Probleme der Gegenwart dort materialisieren, wo sie geschehen, und sie zu einer Sache des Handelns – nicht des Zuschauens – machen.

Die Gegenwart wird nicht entblößt. Das ist The Present in Drag.

Veranstaltungen

Projekte

Link zur Webseite

bb9.berlinbiennale.de
Stand: 18.9.2016