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Printemps des Arts in Tunis: Über den Zustand der Kultur

Zwischen dem 1. und 10. Juni fand die Kunstmesse „Printemps des Arts“ in Tunis statt. Die Kunstmesse ist sehr gelungen und es kamen viele Besucher. Doch an dem letzten Tag stellte einer der bewachenden Offiziere fest, dass einige der ausgestellten Kunstwerke seine religiösen Ansichten beleidigen. Er hat einige Imamen alarmiert, die wiederum ihre Gläubigen zu einem Boykott des „Angriffs auf das Heiligtum“ aufgerufen haben. Fotografien der Installationsansichten gemischt mit anderen Werken, die während der Kunstmesse nicht gezeigt wurden, wurden im Internet zusammen mit Kommentaren, die diese als Gotteslästerung interpretiert haben, veröffentlicht. Von diesem Moment an haben die Angriffe angefangen. Es wurde Gewalt gegenüber den Künstlern und den Veranstaltern angewendet. Machen wurde mit dem Tod gedroht. Seit einigen Tagen herrscht im Tunis Ausnahmezustand!

 

Ein Interview über den Zustand der tunesischen Kulturpolitik mit der Malerin, Fotografin, Videokünstlerin und Kuratorin Meriem Bourderbala anlässlich der 10. Edition der Kunstmesse „Printemps des Arts“ in Tunis.

 

WG: Könntest Du ein wenig über dich und über das jährliche Ereignis „Printemps des Arts“ erzählen?

 

MB: Ich habe mein ganzes Leben in Europa verbracht. Im 2001 bin ich nach Tunis zurückgekehrt, kurz vor dem 11. September. Dieses Ereignis hatte einen großen Einfluss auf meine Lebensentscheidungen. Meine Ausstellungen sind nicht materiell, deswegen auch sind sie für die autoritären Regierungen unzerstörbar. Ich werde mit der Zensur auf eine typisch „orientalische“ Art und Wiese fertig. Ich nutze Sie, um die Besucherzahlen meiner Ausstellungen zu erhöhen. Ich habe es auch unter der Regime von Ben Ali gemacht, doch es war nie eine bewusste Provokation. Ich musste nie die Aufmerksamkeit auf mich lenken, damit sie sich mit mir beschäftigen.

 

Im aktuellen Kontext der Ausstellung „Printemps des Arts“ geht es nicht um die Besetzung der Kultur, um das „sich-Alles-erlauben“, es geht nicht um die Kultur der Eliten, es geht um die Kultur im breitem Sinne, im freudschen Sinne der Kulturarbeit.

 

Alles wird gerade entschieden, man muss schnell reagieren. Man muss das Terrain der Kultur besetzen, um den Rückkehr des Totalitarismus nicht zu zulassen. Viele Menschen haben sich dafür engagiert, deswegen ist es ratsam dieses ungeschriebene Manifest zur Verteidigung der Kultur zu unterschreiben.

 

WG: Wie denkst Du über Deine Rolle vor allem als Künstlerin aber auch als Kuratorin dieses Events im Bezug auf die derzeitige Situation im Tunis nach? Hast Du dir irgendwelche Grenzen gesetzt?

 

MB: Ich habe meine Arbeiten hier nicht ausgestellt. Ich stelle sie zurzeit woanders aus, auf der IMA in Paris, in einer Ausstellung die „Enthüllter Körper“ heißt. Es sind Fotografien, die das Schicksal der Frauen zeigen, vor allem im Bezug auf ihren Körper. Die Arbeit einer Kuratorin ist jedoch auch ein künstlerischer Akt, zumindest aus zwei Gründen:

 

Die Auswahl der Künstler und die Anordnung ihrer Arbeiten in der Ausstellung sind eine künstlerische Entscheidung. Das Kuratieren impliziert auch das Engagement und Zusammenarbeit mit anderen Menschen, was auch als ein künstlerischer Akt angesehen werden kann. Für den Künstler gibt es keine Grenzen. Wenn jedoch welche objektiven Hindernisse auftauchen, so ist es die Aufgabe des Kurators, diese für den Künstler zu beseitigen.

 

Ich habe jedem Künstler eine vollkommene Freiheit gegeben. Ich habe keine Arbeiten, deren einziges Ziel die Verunglimpfung religiöser Ansichten wäre, gezeigt. Ich glaube dass solche Arbeiten ein Zeichen totalitärer Ambitionen sind.

 

In meiner Ausstellung gibt es keine Werke, die mit Absicht die religiösen Ansichten anderer verletzen sollen. Sie werden jedoch für solche, durch die Manipulation der antidemokratischen Mächte im Internet, gehalten. Die Kunst ist ein Teil der Demokratie, sie ist eine ihrer Symbole und deswegen wird sie als erste angegriffen.

 

Es ist das erste Mal, dass die Regierung ihre Künstler verlässt, dass den Künstler der Tod droht, dass die Künstler in einem Bruderkrieg, dessen Ziel die Einführung der Sharia ist, ums Leben kommen können.

 

WG: War das eine kollektive Entscheidung, von Dir und deinem Team, diese Werke auszustellen?

 

MB: Nein, es war allein meine Entscheidung, eine sehr subjektive Auswahl, und deswegen bin ich für das Schicksal der in der Ausstellung teilnehmender Künstler verantwortlich.

 

WG: Wieso spricht man im Falle deiner Ausstellung über die Degradation der Kunst, wenn man über die Redefreiheit reden sollte?

 

MB: Der Kampf zwischen den Künstlern und den Extremisten ist durch die Zweideutigkeit der Werke, die als Verachtung des Volkes verstanden wurden, eskaliert. Die Welt hat sich verändert und die Eliten müssen es begreifen, dass sie kein Monopol mehr auf die Kultur in diesem Land haben. Es bedeutet aber auch nicht, dass man die Künstler den Extremisten überlassen kann. Die Künstler mögen zwar taktlos sein, doch sie wollen keinen umbringen. Sie verstehen die Anerkennung der Unterschiede als Fundament der Demokratie. Das Problem ist nicht das Volk, sondern die, die ihn die Kultur rauben wollen.

WG: Zur Ben Ali’s Zeiten die Zensur den Künstlern gegenüber nur in abgeschwächter Form angewendet. Die Künstler wussten mit der Zensur umzugehen. Doch zurzeit ist es viel schlimmer, die Zensur nimmt zu, vor allem seit Persepolis und Cinema AfriArt. Erzähle bitte, was ist während „Printemps des Arts“ passiert? Wie hat sich deiner Meinung nach die Zensur verändert?

 

MB: Unsere Witze über Ben Ali haben uns die Sympathie auch seitens unserer Gegner verschaffen, da wir derselben Repressionen ausgesetzt waren. Heutzutage kann sich jeder Tuniser persönlich aufgrund Gotteslästerung beleidigt fühlen. Die Zensur seitens der Diktatur hat sich nicht mit religiösen Themen beschäftigt. Heutzutage sind die Zensur und die Angst anders geworden, die Künstler sind durch die religiöse Propaganda, die von den Machthabern zur Legitimation ihrer Macht genutzt wird, terrorisiert. Dabei geht es nicht um die Moral sondern um Theokratie. Wenn es um die Zensur, die auf der moralischen Ordnung basiert, geht, so kann man diese umgehen, indem man ihre Widersprüche aufzeigt. Dagegen werden bei der auf Theokratie basierender Zensur alle Widersprüche in ihrer verrückten Logik vernichtet.

 

WG: Glaubst Du, dass die derzeitige Situation der Künstler aus dem fehlenden Engagement der Regierung in die Kulturpolitik resultiert?

 

MB: Es gibt keine Kulturpolitik in Tunis, die Kulturpolitik besteht aus der Ablehnung der Kultur. Seitdem ich 2003 die erste internationale Ausstellung für zeitgenössische Kunst veranstaltet habe, hat sich die Situation verändert. Ich habe sehr viele junge, talentierte Menschen entdeckt, die kaum Erfahrung hatten. Wenn sie eine Gefahr für den Staat darstellen, dann nur deswegen, weil diese Künstler nicht mehr zu Dienern der Regierung degradiert werden wollen.

 

WG: Die 7. Berlin Biennale hat den Titel „Forget Fear“. Es ist ein sehr wichtiges Aufruf, das auch für die Ereignisse in den vergangenen Tagen im Tunis gelten könnte. Was denkst Du darüber?

 

MB: Für mich kann die Besetzung eines Terrains mit dem Säen oder mit dem Anbau gleichgesetzt werden. Wenn es nicht möglich ist dies am hellen Tag zu machen, muss man unter dem Versteck der Nacht aufs Feld gehen und die Samen verteilen.

 

WG: Was beunruhigt Dich an den Ereignissen der vergangenen Tage am meisten? Was kann mit den Künstler, die Du ausgestellt hast, geschehen? Was sind Deine Befürchtungen bezüglich der, deren Werke zerstört wurden? Wie können sie sich währen?

 

MB: In einer Bürgergesellschaft die einzige Lösung ist es Solidarität mit den Künstlern zu zeigen.

 

WG: Welche Gefahren bestehen für die tunesische Kunstszene und auch für die tunesische Gesellschaft?

 

MB: Es gibt ganz viele Gefahren. Wir erleben geraden den Kampf zwischen der Welt die vergeht und der, die kommt. Die Künstler müssen lernen, ihr Volk zu respektieren.

 

WG: Glaubst Du, dass die Kunst gesellschaftliche Probleme lösen kann? Was ist, deiner Meinung nach, ihre reale Funktion?

 

MB: Die Kunst ist ein Atemzug. Ein zu langer Atemstillstand verursacht den klinischen Tod des Gehirns. In Tunis sind wir einem solchen Tod nahe. Ihr in Berlin müsst reagieren. Wir warten auf Euch.

 

Durchgeführt von Wafa Gabsi, einer Promotionsstudentin an der La Sorbonne in Paris.

 

Hier können Sie die Petition zu Unterstützung der Künstler und der Redefreiheit in Tunis unterschrieben:

http://lapetition.be/en-ligne/petition-11611.html#.T-JJcLLkmv0.facebook

 


Draftsmen’s Congress in Eisenhüttenstadt!
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