Archive for Februar, 2012

Das Leben ist Ausland – Zur Entlassung von Sreten Ugričić

Posted on: Februar 20th, 2012 by Denhart von Harling No Comments

Das Leben ist Ausland

Zur Entlassung von Sreten Ugričić

von Melinda Nadj Abonji

 

Der Leiter der serbischen Nationalbibliothek Sreten Ugričić unterzeichnete als Mitglied des Belgrade Writers‘ Forum einen öffentlichen Brief, in welchem die öffentliche Diffamierung des Montenegrinischen Schriftstellers Andrej Nikolaidis kritisiert wurde. Daraufhin wurde er von der serbischen Regierung der Mithilfe an terroristischen Machenschaften beschuldigt und fristlos aus seinem Amt als Direktor der Serbischen Nationalbibliothek entlassen.

 

Sreten Ugričić, Schriftsteller, Philosoph, Astronom, Konzeptkünstler, bis vor kurzem Leiter der serbischen Nationalbibliothek, las im vergangenen Dezember, am St. Nikolaustag, im Zürcher Theater Neumarkt. Er stellte seinen Essay „Das Leben ist Ausland“ vor, den er für die Leipziger Buchmesse 2011 geschrieben hatte. Vorstellen, das klingt trocken, langweilig, das Gegenteil davon ist wahr. Es war ein geistreicher, anregender Abend. Das Zürcher Publikum agierte ungewohnt, es beteiligte sich rege, wurde nicht müde, obwohl der Abend schlussendlich zweieinhalb Stunden dauerte. Nach Sretens Besuch habe ich mich umgehend entschieden, eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben zu rufen, mit dem Titel „Das Leben ist Ausland“. Ich habe Sreten geschrieben, ihm mitgeteilt, dass ich ihn, als Namensgeber meiner neuen Reihe, auch gern als ersten Gast einladen würde, diesmal, um seinen Roman „An den unbekannten Helden“ vorzustellen. Er antwortete mir mit folgender mail: „Last few days I am in all media here, main news, because my Government wants to kick me out from the library. Minister of Police (who was in nineties among the closest assistants of Slobodan Milošević) yesterday told to journalist that I must be put in prison immediately because I support the assassination on our president Tadić. What can I tell you.“

 

Natürlich habe ich überhaupt nichts begriffen. Zurückzuschreiben, zu fragen, das war unmöglich. Die Hektik und Dringlichkeit in diesen wenigen Zeilen verrieten, dass Sreten sich um anderes kümmern musste, als um mich, meine Besorgnis, meine Frage, was genau geschehen war. Ich fing an, wie verrückt im Internet zu suchen, nach seinem Namen, und ich wurde fündig: Ein paar Stunden nach Sretens mail konnte ich auf einer website lesen, dass er inzwischen als Direktor der Nationalbibliothek entlassen worden war. Nach einer dringlichen Telefonkonferenz der Regierung sei dieser Beschluss gefasst worden, hiess es. Dass der Kulturminister, der einzige, der wohl für Sreten eingetreten wäre, an der Konferenz nicht beteiligt war, habe ich erst später erfahren.

 

Wie ist es also dazu gekommen, dass man Sreten entlassen hat, der während Jahren die Nationalbibliothek so geleitet hat, dass sie mittlerweile eine internationale Reputation geniesst? Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ihm sagen, er habe nicht nur technische Erneuerungen initiiert, sondern die Zusammenarbeit und den Dialog grossgeschrieben und gefördert?

 

Aus Anlass des zwanzigjährigen Bestehens der „Republika Sprska“, eines Teilstaats Bosniens, wurde am 9. Januar eine feierliche Veranstaltung in Banja Luka angesetzt. Politische Repräsentanten der Republik Serbien, Präsident Boris Tadić, Premierminister Mirko Cvetković und Innenminister Ivica Daĉić, kamen nach Banja Luka, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Am Vorabend entdeckte die Polizei im Kellergeschoss der Sporthalle, in der die Veranstaltung geplant war, ein Arsenal von Waffen, Munition und Sprengstoff.

 

Der montenegrinische Parlamentarier und Autor Andrej Nikolaidis schrieb am 11. Januar in einem online Medium einen polemischen Kommentar zu diesem Anlass, ironisch könnte man ihn auch nennen, stellenweise sogar unüberlegt. Mit Blick auf die  Entstehungsgeschichte der „Republika Srpska“, die auf Mord und Vertreibung beruhe, stellt Nikolaidis die Frage, ob man, falls der Sprengstoff explodiert wäre, dies nicht als „zivilisatorischen Fortschritt“ betrachten könnte. Die Belgrader Presse, allen voran die regierungsnahe „Politika“, zitierte genau diesen einen Satz aus Nikolaidis Text (der übrigens auf www.e-novine.com nachzulesen ist), von dem sie sicher sein konnte, dass die Öffentlichkeit empört, ja hysterisch darauf reagieren würde. Das zu Erwartende trat ein, die aufgeheizten Schlagzeilen übertrafen sich, Nikolaidis wurde als Terrorist gehandelt.

 

Aufgrund dieser Hetze sah sich das „Forum of Writers“ dazu veranlasst, einen Aufruf zu veröffentlichen, in dem entschieden für die freie Meinungsäusserung eingetreten wurde und damit auch für den persönlichen Schutz von Nikolaidis. Die „Fatwa“ der Medien gegen Nikolaidis müsse aufgehoben werden, heisst es. Stattdessen solle sein Text im Wortlaut publiziert werden, damit sich die Leser selbst ein Bild davon machen könnten. Diesen Aufruf hat auch Sreten Ugriĉić unterschrieben und damit nahm die Medienhetze eine neue Richtung; das Boulevardblatt „Press“ titelte: „Das gibt es nur in Serbien: Nationalbibliothekar unterstützt Ermordung von Präsident Tadić“.

 

Die Reaktion von einigen Mitgliedern der serbischen Regierung folgte unmittelbar: Sreten müsse als Direktor der Nationalbibliothek sofort zurücktreten. Dem Innenminister Ivica Daĉić reichte das nicht. Er plädierte dafür, dass man Sreten ins Gefängnis werfen solle, weil er den Terrorismus unterstütze - Ivica Daĉić, der übrigens während der letzten Jahre von Milosevics Herrschaft Vorsitzender der Sozialistischen Partei war, sich nie öffentlich und explizit von den Entscheidungen, welche die politische Elite des serbischen Staates zu dieser Zeit getroffen hatte, distanziert oder dafür irgendwelche Verantwortung übernommen hat.

 

Warum, so kann man sich fragen, wird dem Leiter so viel unliebsame Aufmerksamkeit zuteil?

 

Sreten wurde vor zehn Jahren von Zoran Djindjic zum Direktor der Nationalbibliothek berufen. Er blieb, auch nach dessen Ermordung, im Amt, modernisierte die Bibliothek, machte sie, wie bereits erwähnt, zu einer angesehenen, gut besuchten kulturellen Institution. Angefeindet wurde er ständig, stetig. Und dies sicher auch, weil seine Reden und literarischen Texte elektrisieren, die Worte vor Energie leuchten - das, was das Zürcher Publikum sofort bei seiner Anwesenheit gespürt hat: Hier spricht einer, der scharf denkt, kritisch ist gegenüber jeder Form von Macht, fähig ist, die Dinge anders und das heisst in diesem Fall neu zu denken. Sretens Poetik, die ausserdem einer tiefen Menschlichkeit verpflichtet ist, indem sie den Menschen für mündig erklärt. Ja natürlich, das ist die grösste Gefahr für alle autoritären, zynischen Köpfe, die Wörter wie Demokratie, Verfassung, Freiheit missbrauchen, um im gleichen Atemzug einen Menschen als Terroristen zu verhetzen, der mit seiner Arbeit, seinem Denken nichts anderes getan hat als für ein freies, offenes Serbien einzutreten.

 

In einer öffentlichen Rede im Belgrader Kulturzentrum sagte Sreten: „A warning to the police from a library terrorist: in the hall of the CCB there will be an explosion – not of a bomb, but of all of us present. And we shall win. Because, as you know: whoever attacks writers with a nightstick is defeated and hated from the start; while the one who reads – wins!“

 

 

Dieser Text wurde zur Verfügung gestellt vom Istituto Svizzero di Roma.

 

Texte von Sreten Ugričić auf Deutsch

Das Leben ist Ausland. Ein Essay. In: Sprache im Technischen Zeitalter, Juni 2011.

An den unbekannten Helden. Roman. Dittrich Verlag, Berlin 2011.

 

www.pescanik.net

www.e-novine.com

Öffentliche moderierte Rundgänge

Posted on: Februar 18th, 2012 by Denhart von Harling

Öffentliche moderierte Rundgänge

Etwa einstündige öffentliche Rundgänge finden an zwei Ausstellungsorten in deutscher Sprache statt und können ohne Voranmeldung besucht werden.

 

KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin-Mitte

jeden Donnerstag um 18 Uhr, jeden Samstag um 14 Uhr

 

St. Elisabeth-Kirche, Invalidenstraße 3, 10115 Berlin

jeden Samstag um 16 Uhr

4 Euro, ermäßigt 3 Euro

 

Themenabend

Jeden Donnerstag findet zusätzlich um 19 Uhr ein Themenabend zu wechselnden Inhalten der 7. Berlin Biennale statt. Dieser findet in der Regel in den KW statt, bitte beachten Sie die aktuellen Informationen auf unserer Webseite.

4 Euro, ermäßigt 3 Euro

 

Kombiticket

Rundgang und Themenabend in den KW am Donnerstag oder

Rundgang in den KW und der St.-Elisabeth-Kirche am Samstag:

6 Euro, ermäßigt 5 Euro

 

Moderierte Rundgänge für Gruppen und Schulklassen

Posted on: Februar 18th, 2012 by Denhart von Harling

Moderierte Rundgänge für Gruppen und Schulklassen

Für Gruppen bis maximal 20 Personen bietet art:berlin nach Anmeldung Rundgänge auf Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch, Italienisch und Türkisch an.

Eine individuelle Planung der Rundgänge ist selbstverständlich möglich

 

Moderierter Rundgang in Deutsch oder Englisch

Einstündige Rundgänge: 95 Euro

Zweistündige Rundgänge: 185 Euro

Jede weitere Stunde: 90 Euro

Andere Sprachen werden mit 15,- Euro Aufpreis berechnet.

 

Moderierte Rundgänge für Schulklassen

Einstündiger Rundgänge: 65 Euro

 

Moderierte Rundgänge  für Hochschulkurse und Seminare

Einstündige Rundgänge: 85 Euro

Zweistündige Rundgänge: 155 Euro

 

Bustour für Gruppen

Für Gruppen bietet art:berlin eine dreistündige Bustour mit ModeratorIn an, die alle Ausstellungsorte verbindet.

32 Euro pro Person; Mindestteilnehmerzahl: 12 Personen

 

Lizenzführungen

Gruppen, die ihren eigenen Guide mitbringen, müssen sich bei art:berlin unter info@artberlin-online.de oder 0049 (0)30–28096390 anmelden und eine Lizenzgebühr von 25 Euro entrichten (max. 20 Personen inklusive Guide).

 

FORGET FEAR

Posted on: Februar 13th, 2012 by Denhart von Harling 6 Comments

FORGET FEAR

Die erste Publikation der 7. Berlin Biennale

herausgegeben von Artur Żmijewski und Joanna Warsza.

 

„Die erste Publikation der 7. Berlin Biennale – Forget Fear – ist ein Bericht von zielgerichteten Aktivitäten in der Kultur und von künstlerischem Pragmatismus. Im Vordergrund stehen konkrete Handlungen von KünstlerInnen, KuratorInnen und PolitikerInnen, die zu sichtbaren Folgen geführt haben. Es ging uns darum, Antworten zu finden, nicht Fragen zu stellen. Uns interessierten Situationen, in denen wir Lösungen vorschlagen und verantwortungsvoll umsetzen konnten. Uns interessierte es weder, künstlerische Unantastbarkeit aufrecht zu erhalten, noch uns von gesellschaftlichen Anliegen zu distanzieren. Wir verstehen Politik als eine der komplexesten und kompliziertesten menschlichen Handlungen. Wir waren auf der Suche nach Menschen – KünstlerInnen, AktivistInnen, PolitikerInnen –, die sich mit ihrer Kunst in realer Politik engagieren.

 

Die Interviews beinhalten Gespräche mit PolitikerInnen, darunter der ehemalige Bürgermeister Bogotás, Antanas Mockus, der mit seiner politischen, von der Kunst geprägten Theorie maßgeblich zum sozialen Wandel beigetragen hat; der Theaterregisseur Árpád Schilling, der das bürgerliche Theater verlassen hat, um direkt im rechtsgerichteten Ungarn zu handeln; die Gruppe Voina, die an eine Kunst ohne Engagement nicht glaubt; Timea Junghaus, die mit ihrer Kunst gegen die Unterdrückung der Roma in Europa kämpft; die brasilianische Sprayer-Gruppe Pixadores, die einst die São Paolo-Biennale angegriffen hat; oder die Best-Party, die nach der Bankenkrise 2008 in Island an Einfluss gewann. Alle diese AkteurInnen nutzen performative Werkzeuge, um ihre Anliegen zu formulieren und um das Ausmaß der sozialen und politischen Kräfte und Interessen zu offenbaren, die sonst im Hintergrund verborgen bleiben. Mit der ersten Publikation präsentieren wir links-politisches Engagement nicht nur als kritische Haltung, sondern als Selbstemächtigung und als Grundlage produktiver, politischer Praktiken.“

 

 

Mit Beiträgen u. a. von Paweł Althamer, Gábor Bakos, Yael Bartana, Einar Örn Benediktsson, Daniel Blatman, Christian Boltanski, Galit Eilat, Olafur Eliasson, Julián García, Jón Gnarr, Jan Tomasz Gross, Jerzy Hausner, Péter Juhász, Gideon Levy, Renzo Martens, Antanas Mockus, Joanna Mytkowska, Luis Ospina, den Pixadores, Srđa Popović, Alison Ramer, Dorota Sajewska, Árpád Schilling, Marcin Śliwa, Igor Stokfiszewski, Hans-Christian Täubrich, Joanna Tokarska-Bakir, Fernando Vallejo, der Künstlergruppe Voina, Zofia Waślicka und Rafał Żurek sowie einer CD von Teresa Margolles.

 

Deutsch

416 Seiten

15,4 x 21,5 cm (Hochformat)

Broschur, leinengebunden

mit 51 Abbildungen, davon 19 in Farbe

28 Euro, in der Ausstellung 25 Euro

Erscheinungsdatum: 22. Februar 2012

 

ISBN: 978-3-86335-128-1

 

7-berlin-biennale-forget-fear

Forget Fear

“Forget Fear” – ein Vorwort von Artur Żmijewski

Diese Publikation dokumentiert Schritte auf dem Weg hin zu echter Veränderung in unserer Kultur, hin zu künstlerischem Pragmatismus. Beschäftigt haben uns hierbei konkrete Handlungen, die zu greifbaren Ergebnissen führen. Statt nur Fragen zu stellen, haben wir nach Antworten und Situationen gesucht, die Lösungen verantwortungsvoll umsetzten. [...]Mehr >

7-berlin-biennale-forget-fear-thumbnail

Daniel Miller im Gespräch mit Martin Zet

Posted on: Februar 13th, 2012 by Denhart von Harling 2 Comments

Daniel Miller im Gespräch mit Martin Zet

Daniel Miller: Martin, hattest Du jemals die Absicht, diese Bücher zu verbrennen?

 

Martin Zet: Das war nie mein Plan.  Ich muss sagen, ich bin wirklich fasziniert von der Vorstellungskraft der Menschen hier. Jeder hatte diese unglaubliche Fantasie: 60.000 Bücher in den Flammen! Das offenbart merkwürdigere und interessantere Dinge, als ich erwartet hatte.

 

Dein Aufruf, gemeinsam all diese Bücher zu sammeln, hat Dutzende von Artikeln und Hunderte von Reaktionen hervorgerufen, sogar eine öffentliche Demonstration. Da scheinen ganz eigenartige Vorgänge am Werk zu sein…

 

Weißt Du, ich liebe Bücher. Ich schreibe Bücher, ich mache Bücher, ich sammle Bücher. Ich habe sogar eine Lizenz, die mir erlaubt, Bücher zu publizieren. Aber mit Büchern geht ein irrationales, fetischistisches Moment einher und ich denke, das ist mit der Rolle des Buches in der Vergangenheit verbunden. Als man noch eine sehr beschränkte Anzahl handschriftlicher Manuskripte hatte, waren diese selbstverständlich unantastbar und wertvoll. Aber sobald man Auflagen von hunderten, tausenden Exemplaren hat und ein weltweites Informationssystem, das von überall aus zugänglich ist und alles für die Ewigkeit speichert, ist die Sorge um die physische Kondition von Büchern reiner Fetischismus.

 

Die Entscheidung für das Buch von Sarrazin ist eindeutig relevant. Ich glaube nicht, dass ein Aufruf, sagen wir 60.000 Kopien von Oliver Kahns Autobiografie zu sammeln, eine solche Reaktion ausgelöst hätte…

 

Nein.. Sarrazins Buch rührt tief an Themen der deutschen Gesellschaft und als ich das Buch berührte, betrat ich genau diesen Wirkungsraum. In so einer Situation sind nicht die Worte oder Ideen das Entscheidende; entscheidend ist, was das Buch unter den Menschen repräsentiert. Die ausschlaggebende Frage ist: was ist das Begehren dieses Buches? Was möchte es hervorrufen? Möchte es einfach verkauft werden? Oder hat es eine bestimmte Funktion?

 

Du hast das Buch auf Tschechisch gelesen?

 

Ja, es wurde 2011 von einem Verlag in einer Reihe herausgegeben, die 21. stoleti heißt. Das ist so eine populäre intellektuelle Reihe bedeutender sozialer und politischer Positionen. Aber Dinge geschehen dort anders, als sie in Deutschland geschehen sind. Es gab ein Interview mit Herrn Sarrazin in der Zeitung Lidové noviny, das vor dem Erscheinen des Buches veröffentlicht wurde, und einige Beiträge in den Medien im Nachhinein, aber keine ernsthafte Diskussion. Das Buch wurde als bereits legitimiert präsentiert.

 

Am 21. Januar gab es eine Demonstration gegen Dich auf dem Bebelplatz unter der Prämisse der Unterstützung von Meinungsfreiheit. Wenn man eine provokante Meinung vertritt, ist es verständlich, Meinungsfreiheit öffentlich zu verteidigen. Aber tatsächlich ist diese Doktrin ein Mythos. Meinungsfreiheit gibt es so wenig wie es freie Märkte gibt. Es gibt konkurrierende Märkte und es gibt konkurrierende Meinungsfreiheiten…

 

In den Zeiten des Kommunismus haben wir immer von Demokratie geträumt. Aber gute Schlagworte können natürlich für seltsame Zwecke genutzt werden. Demokratie als Macht in den Händen der Menschen bedeutet zugleich Macht in den Händen der Mehrheit. Es kann schnell passieren, dass die Macht in die Hände von Akteuren gelangt, die wissen, wie man die öffentliche Meinung manipuliert. Was er will ist vielleicht eine Katastrophe. Aber er ist in der Lage, die Öffentlichkeit so zu überzeugen, dass diese die Katastrophe auch begehrt.

 

Eines der wahrscheinlich bekanntesten Statements Sarrazins stand in einem Interview im Magazin Lettre International: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin." Rhetorisch  ist das eine extrem seltsame Aussage, weil wirklich nicht klar ist, wie man diese Beschreibung quantitativ bestimmt...

 

Menschen möchten Aussagen glauben, und das funktioniert am besten durch Zahlen. Sobald man Zahlen sieht, scheint eine Aussage schon objektiviert…

 

Entscheidend ist auch das sehr aggressive Design von Sarrazins Buchcover.

 

Ja. Das Schwarz geht in Rot über, dazu das strahlende Weiß: Das kreiert irgendwie das Gefühl der türkischen Flagge. Ich frage mich ob das beabsichtigt war. Rot, Weiß und Schwarz sind aber auch die effizientesten Farben in jeder Propaganda. Sie werden in verschiedensten Diskursen und Kontexten genutzt, wann immer jemand strikt, direkt und attraktiv wirken möchte.

Weißt Du, was der tschechische Titel des Buches ist?: Deutschland begeht Selbstmord.

 

Es macht wirklich nicht den Anschein, als ob Deutschland gerade Selbstmord beginge. Im Gegenteil: Deutschland ist momentan ökonomisch wie politisch das stärkste Land in Europa. Aber ich denke, irgendetwas in der deutschen Seele ist von dieser Art des Pathos angezogen…

 

Du meinst die romantische Tradition? Das Leiden des jungen Werther?

 

Genau. Ich frage mich, ob dieses Buch, das auf den ersten Blick wie ein soziologisches Buch erscheint, in Wahrheit etwas anderes ist, etwas eher Spirituelles, das die Sprache und den Diskurs der Politik nutzt, um etwas Tieferes auszudrücken, und zwar die Sehnsucht nach Vernichtung.

 

Du meinst es geht gar nicht darum, die Menschen aufzuwecken und das Problem zu lösen, sondern darum, das Leiden zu genießen?

 

Ja, ich denke es geht darum, das Leiden zu genießen.

 

Aber wenn du Recht hast, warum feiern sie mich nicht dafür, dass ich ihr Leiden sogar noch verstärke?

 

Ich glaube, dass genau das passiert ist.

 

Vielleicht hängt das mit dem Fehlen von Ritualen in diesem Land zusammen. Gibt es hier funktionierende Rituale, außer Fußball?

 

Man guckt jeden Sonntag Tatort auf öffentlichen Plätzen. Und macht jedes Jahr am 1. Mai Krawalle. Aber ich denke, es gibt eine große Angst vor Ritualen, verankert im sozialen Konsens der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Ideen können nur auf eine bestimmte Weise diskutiert werden, mit bestimmten Kanälen, Formen und Prozessen und wir müssen uns nach ihnen richten, sonst könnte etwas Schreckliches geschehen.

 

Ich verstehe. Etwas mit einem bestimmten rituellen Charakter könnte gefährliche Kräfte aktivieren…

 

Ja. Aber der enorme Erfolg dieses Buches lässt vermuten, dass sie bereits aktiviert wurden. Das Buch selbst ist irgendwie rituell…

 

Ich denke, wir haben es hier mit einer Form von Magie zu tun…

 

Nehmen wir das Logo des Projekts und lass uns über die Idee des Recycling sprechen und die Frage, was recycelt wird. Zunächst einmal beinhaltet das Buch ein hohes Maß an überschüssiger Energie. Denkst du, dass es sich diese Energie recyceln lässt? Und sie dann zu nutzen, um die Diskussion zu vertiefen und zu verschieben?

 

Ursprünglich war mein Traum, dass genau das geschehen könnte. Aber es scheint mir, dass die Wünsche der Menschen das Ganze in eine andere Richtung lenken. Weg von den wichtigen Fragen und hin zu einer Art Generierung von Selbstbestätigung für militante Gruppen, die sie dafür nutzen, den Leuten zu zeigen, dass sie gegen das tatsächlich Böse kämpfen. Das bin in dem Fall ich und sie sind die Guten. Aber ich sollte das nicht sagen. Ich sollte optimistisch sein .

 

Ich bin mir nicht sicher. Ich stimme Mao Zedong zu: es ist gut wenn der Feind dich angreift, weil du dann weißt du wo du stehst.

 

Ich gebe zu, dass es mir eigentlich gefällt, attackiert zu werden. Da sind einige unangenehme Aspekte, zum Beispiel die fiesen E-Mails, die ich bekomme und in denen steht, dass ich zurück in mein Land gehen soll, “tschechische Nazisau” und so weiter. Aber letztendlich ist es gar nicht so schlimm…

 

Du startest einen Aufruf, gemeinsam diese Bücher zu sammeln und Deutschland antwortet dir, indem du diese Nachrichten geschickt bekommst. Es scheint mir, dass diese Nachrichten aus eben jenem entzündlichen, psychischen Material bestehen, dass das Buch ausmacht und umgibt.

 

Das Problem ist zu verstehen, wie man dieses Material verantwortungsvoll behandelt. Eine Idee war, eine Art Zauberspruch zu finden, um das Buch zu entschärfen und es dann zurück zu schicken, die magische Kraft abfließen zu lassen. Ich dachte in diesem Moment nicht an die Geister von 1933, sondern an den Geist von Wilhelm Reich, dessen Bücher auch verbrannt wurden, 1956. Ich träumte, dass Reich mir ins Ohr flüstert: “Nutze den Cloudbuster. Du kannst den Cloudbuster nutzen, um die sexuelle Energie aus den Büchern zu ziehen!” Sobald sie diese sexuelle Energie nicht mehr haben, können die Bücher wieder in den Umlauf, in die Regale, aber eben entschärft.

 

Vielleicht hat der Zauberspruch seine Wirkung noch nicht abgeschlossen?

 

Wir haben drei Wege, dem zu begegnen. Entweder versuchen wir es mit einem stärkeren Zauberspruch. Oder wir versuchen, eine Immunisierung auf der anderen Seite zu bilden. Oder wir versuchen, den Prozess zu beschleunigen. Aber da stehen wir vor dem Problem, was der Prozess eigentlich ist. Durch die Beschleunigung würden wir vielleicht etwas Schreckliches produzieren.

 

Vielleicht könnten wir es mit einer kontrollierten Explosion versuchen? Wie eine Bombenentschärfung...

 

Ich denke, das Buch umgibt eine magische Sphäre, und vielleicht könnte es gelingen, dass diese Macht nicht durch Gewalt sondern einfach durch das Wegnehmen eines kleinen Partikels abfließen zu lassen. Wenn die Zeit der Popularität von Fraktalen nicht vorbei wäre, dann würde ich sagen: Wenn du den Rand des Fraktals änderst, dann beeinflusst es die gesamte Struktur.

 

Das ist ein interessantes Problem. Was ist der Rand eines Buches? Es ist irgendwo zwischen dem Buch und dem Diskurs um das Buch und der Vermarktung des Buches und der Kultur, in die das Buch eintritt…

 

Ich benutze den Begriff Resonanz: die Resonanz des Buches. Ich fühle es tatsächlich wie einen Klang. Und je mehr Exemplare es gibt, desto stärker wird der Klang. Was also möchte ich mit diesem Klang tun? Was könnte damit gemacht werden? Vielleicht ist es einfach ein Ton und wenn ich Erfolg habe, kommen einige andere Töne hinzu und es wird reicher – harmonisch oder vielleicht auch disharmonisch. Ich bin mir nicht sicher, was besser wäre…

 

Ich denke an dieses Lied von Billy Joel: We didn't start the fire.

 

Nein… Ich bin eher hinein getreten. Aber nun sind wir hier, vom Feuer kommend, durch die Magie, dann die Musik und jetzt wieder zurück bei der Feuerwehr. Ich werde wohl einen Termin machen müssen bei meinem Psychoanalytiker und ihn fragen, ob hinter all der Hysterie, die behauptet, ich würde ein Feuer entzünden wollen, in Wahrheit nicht der Wunsch steht, dass ich das tatsächlich tue.

7-berlin-biennale-Martin-Zet-poster

Weitere Kommentare

Wer schafft sie ab? – die Freiheit des Denkens?

Stellungnahme zur Debatte um die Aktion „Deutschland schafft es ab“ von Martin Zet. Von... Mehr >
Wer schafft sie ab? – die Freiheit des Denkens?

Flammen in ihren Köpfen

von Igor Stokfiszewski Mehr >
Flammen in ihren Köpfen

Stellungnahme von Stéphane Bauer, Leiter des Kunstraum Kreuzberg/Bethanien

Oder: Warum der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien nach wie vor als Sammelstelle für die Aktion „Deutschland... Mehr >
Stellungnahme von Stéphane Bauer, Leiter des Kunstraum Kreuzberg/Bethanien

Statement von Artur Żmijewski

Die Kampagne des tschechischen Künstlers Martin Zet, möglichst viele Exemplare von Thilo Sarrazins Buch... Mehr >
Statement von Artur Żmijewski

Kommentar von Chantal Mouffe

Ich halte Martin Zets Projekt für eine legitime Initiative. Er interessiert sich für die... Mehr >
Kommentar von Chantal Mouffe

„Deutschland schafft es ab“ – Buchsammelaktion

Der tschechische Künstler Martin Zet ruft dazu auf, möglichst viele Exemplare des Buches „Deutschland... Mehr >
„Deutschland schafft es ab“ – Buchsammelaktion

Akkreditierung

Posted on: Februar 3rd, 2012 by Denhart von Harling 2 Comments

AKKREDITIERUNG

Die Akkreditierung für die Vorbesichtigungstage der 7. Berlin Biennale ist ab sofort über ein Onlineformular auf der Webseite der Berlin Biennale möglich:

 

www.berlinbiennale.de/blog/7-biennale/service

 

Pressekonferenz: 25.4.2012, 11 Uhr

Pressevorbesichtigung: 25.4.2012, 9 – 20 Uhr

 

Professional Preview: 25.4.2012, 17 – 20 Uhr, 26.4.2012, 9 – 18 Uhr

Eröffnung: 26.4.2012, 19 – 22 Uhr

Stellungnahme von Axel Wieder, Pro qm

Posted on: Februar 3rd, 2012 by Denhart von Harling 4 Comments

Stellungnahme von Axel Wieder, Pro qm

Ich habe das erste Mal von Martin Zets Projekt gehört, als mich eine Mitarbeiterin der Biennale wegen dessen Realisierungsmöglichkeiten angesprochen hat. Ich fand den Vorschlag – neben vielen offenen Fragen – aus zwei Gründen sympathisch: zum einen wegen einem diskursiven Verständnis der Wirkweise von Thilo Sarrazins Buch, zum anderen gerade wegen seiner Offenheit.

 

Zum ersten Punkt: Das Buch ist natürlich schrecklich, aus politischer und theoretischer Perspektive - noch erschreckender finde ich allerdings die Tatsache, dass sich das Buch so gut verkauft hat. Es hat eine öffentliche Debatte ausgelöst, die Beobachtungen und Thesen in geradezu nachlässiger Weise verkürzt. Anstatt die gesellschaftliche Dynamik in ihrer Komplexität zu erfassen, werden kurzfristige Problemlösungen angeboten, die soziale Ungerechtigkeit zementieren und dabei scheinbar auf wissenschaftlichen Fakten begründet sind. Sarrazins Buch provoziert eine vereinfachende Positionierung und im Grunde genommen eine Verknappung von Wissen. Aus diesem Grund spielen auch die biologischen Argumente bei Sarrazin so eine wichtige Rolle. Dabei geht es ja eigentlich um politische Fragen, die man auch als solche verhandeln sollte. An diesem Punkt setzt Zets Projekt an, und eben nicht an der Diskussion von Details, um die es ja auch gar nicht geht, auch nicht den VerteidigerInnen des Buches, die damit lediglich ihre politische Haltung untermauern.

 

Zum anderen hat das Projekt als Teil der 7. Berlin Biennale einen konzeptuellen Rahmen, der für die Aktion wichtig ist. Von Martin Zets Projekt ist bislang ja noch nicht viel zu sehen. Im Grunde geht es gerade erst los: Was passiert auf den Aufruf hin, wie werden die offensichtlich brüchigen Stellen des Aufrufes problematisiert? Die KuratorInnen der 7. Berlin Biennale beschäftigen sich ausdrücklich mit den Wechselwirkungen zwischen Kunst und Realität und räumen dem künstlerischen Feld dabei einen größeren, auch aktivistisch gedachten Handlungsspielraum ein. Mit den offenen Stellen des Projektes meine ich gar nicht unbedingt den schalen Geschmack, den die Vernichtung von Büchern auf unser aufklärerisches Gemüt haben mag. Auch wenn es sich dabei sicherlich nicht um einen Aufruf zur Zensur handelt, so überrascht doch der prekäre, vermutlich auch bewusst kontroverse Zugriff auf den hohen Stellenwert, den wir der Idee der Information zumessen. Genauso geht es dem Projekt aber auch um das Verhältnis von Populismen zu Gegenpopulismen, um den Wirkungskreis der Kunst, und in einer Art großangelegtem Experiment auch um die Frage, welche Prozesse sich aus einem künstlerischen Proposal heraus entwickeln können, und das – um möglichst weitreichende Ergebnisse erzielen zu können – eben auch möglichst offen angelegt sein muss.

 

Mit der Buchhandlung Pro qm sind wir inzwischen einer der Orte, an denen die Bücher zurückgegeben werden können. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob wir damit mehr oder weniger teilnehmen als andere kritisch beobachtende Menschen auch. Für uns war es zunächst eine solidarische Geste für das insgesamt theoretisch interessante und sympathische Ausstellungsprojekt der kommenden Berlin Biennale, verbunden mit der Spannung, was aus dem Projektproposal werden könnte. Infolge der massiven Proteste – die auch bei uns spürbar waren – hat ein politischer Prozess begonnen. Einige Institutionen sprachen in eigenen Statements zu der Aktion von einer gefährlichen Polarisierung, was meines Erachtens den Punkt nicht trifft. Für die Kunstinstitutionen geht es vor allem um einen Standpunkt: Wie kann man sich politisch positionieren, was ist gegenüber den Förderinstitutionen möglich, von denen man abhängt, und wie sieht man sich selber innerhalb der öffentlichen Diskussion. Diese Prozesse macht das Projekt – ich glaube in sehr bewusster Weise – sichtbar.

7-berlin-biennale-sarazzin

Weitere Kommentare

Wer schafft sie ab? – die Freiheit des Denkens?

Stellungnahme zur Debatte um die Aktion „Deutschland schafft es ab“ von Martin Zet. Von... Mehr >
Wer schafft sie ab? – die Freiheit des Denkens?

Flammen in ihren Köpfen

von Igor Stokfiszewski Mehr >
Flammen in ihren Köpfen

Stellungnahme von Stéphane Bauer, Leiter des Kunstraum Kreuzberg/Bethanien

Oder: Warum der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien nach wie vor als Sammelstelle für die Aktion „Deutschland... Mehr >
Stellungnahme von Stéphane Bauer, Leiter des Kunstraum Kreuzberg/Bethanien

Statement von Artur Żmijewski

Die Kampagne des tschechischen Künstlers Martin Zet, möglichst viele Exemplare von Thilo Sarrazins Buch... Mehr >
Statement von Artur Żmijewski

Kommentar von Chantal Mouffe

Ich halte Martin Zets Projekt für eine legitime Initiative. Er interessiert sich für die... Mehr >
Kommentar von Chantal Mouffe

„Deutschland schafft es ab“ – Buchsammelaktion

Mit mehr als 1,3 Millionen verkauften Exemplaren ist Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin das erfolgreichste politische Sachbuch eines deutschen Autors der Nachkriegszeit. Im Rahmen der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst initiiert der tschechische Künstler Martin Zet jetzt die Kampagne „Deutschland schafft es ab“. [...]Mehr >

7-berlin-biennale-martin-zet
Daniel Miller im Gespräch mit Martin Zet
Wer schafft sie ab? – die Freiheit des Denkens?